29. September 2007

Der Musenkuss

Jetzt bin ich fast fertig. Noch 33 Seiten, dann weiss ich, wie es mit der verrückten WG von Philou, Camille, Franck und Omi Paulette zu Ende geht. Das Buch, auf dessen Basis der Film "Ensemble, c'est tout" (den ich noch nicht gesehen habe) entstanden ist, ist eines der schönsten, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Zweimal hatte ich es in der Buchhandlung in der Hand, einmal hab ich's für eine Kollegin gekauft, und irgend etwas hat mich so gedrängt, dass ich gar nicht anders konnte, als es für mich selbst gleich auch noch zu kaufen. Im Klappentext steht "Ähnlich wie Amélie, nur noch schöner", aber das trifft eigentlich nicht zu: "Zusammen ist man weniger allein" ist zwar genauso zauberhaft, die Hauptfigur erinnert schon sehr an das fantasievolle Mädchen aus Montmartre, aber eigentlich ist die Geschichte viel trauriger. Camille ist magersüchtig, gescheiterte Künstlerin und hat eine Mutter, die sie bei jedem Treffen wieder rückfällig werden lässt, Franck ist unglücklich in Camille verliebt, total gestresst von seiner Arbeit als Koch und von der Belastung mit der altersschwachen Grossmutter Paulette, und der schlaksige Philibert stottert und wird von seinem Vater verachtet. Und dass die vier schliesslich zusammenwohnen, kann nicht gut ausgehen. Es wird ein trauriges Ende nehmen, doch diese mag ich lieber als gekünstelte und unrealistische Happy-Endings.

Der Donnerstag hingegen nahm für einige ein feucht-fröhliches Ende: Für die 12 Dichter nämlich, die sich am Poetry-Slam im Boiler Aarau miteinander massen. Alle durften am Schluss ihren Becher unter die Absinth-Flasche halten.

Und heute gab's sogar einen schönen Anfang. Die Sonne schien durch die Vorhänge hell in mein Zimmer, ich erwachte in meinem warmen, weichen Bett und war glücklich.

Was die drei Dinge miteinander zu tun haben? Inspiration - ich möchte wie Camille wieder anfangen zu zeichnen, mit den Slam-Poeten weiter den Zauber und die Kraft von Worten entdecken und dank der warmen Sonne wieder mehr Zeit im Freien geniessen und die Augen offenhalten für die Schönheit des Herbstes. Ich will Carla Bruni und Coralie Clément hören, dazu tanzen und Kürbissuppe kochen, will dicke Schals um mich wickeln und draussen spazieren gehen, will mein Papier wieder hervorholen und mit gespitztem Bleistift Zehen, Knie und Mundwinkel zeichnen. Ich will endlich wieder Fahrrad fahren und mir dabei die Finger abfrieren, Herbstblätter sammeln und Kastanien in den Händen halten.

Wer sich auch inspirieren lassen will: Im Kunsthaus Aarau wird bis im Dezember noch die Sammlung ausgestellt ("Etant donné"), mit Werken, die einem das Herz aufgehen lassen: etwa die Farbwülste von Albrecht Schnider, Schlangenhaut von Christine Streuli, ein Unfall von Steiner/Lenzlinger und eine poetische, feine Installation von Pipilotti Rist. Zum immer-wieder-hingehen.

25. September 2007

Der Herr der Windeln

Die Schweizer Partyfotoagentur Tilllate ist neuerdings auf der Suche nach dem hippsten Baby. Aber schön der Reihe nach.

Als ich gestern ein Plakat sah, dass für "Nuggi-Kino" warb, dachte ich zuerst an einen schlechten Witz.
Kino für Babys, die noch nicht einmal selbst sitzen können? Kein Scherz - tatsächlich veranstaltet ein Schweizer Detailhandelsunternehmen Kinovorstellungen für Mütter und ihre maximal einjährigen Kinder. "Babygeräusche, Stillen und Herumlaufen" seien da ganz normal, heisst es auf der Website. Nun ja. Solange die Babys nicht im Saal gewickelt werden...

Auf dem Nachhauseweg (der Bus ist mir wieder mal um zwei Minuten davongefahren, nicht meine Schuld, trotzdem gab's einen 25-minütigen Nachtspaziergang) liess ich dann meine Gedanken ein wenig in die Zukunft schweifen. Ich kam zu dem Schluss, dass "Nuggi-Kino" grundsätzlich gar keine schlechte Idee ist. Dass ich nämlich auch in fünf, sechs Jahren, als Mami, gerne ab und zu mal ins Kino gehen möchte. Allerdings gibt es da ein paar Punkte, an denen Coop bis dahin arbeiten sollte:


Erstens: Am Sonntagmorgen wäre es für den zweiten Elternteil wohl am einfachsten, auf das Baby aufzupassen. Dann könnte man also sowieso ins Kino. Besser wären Wochentage, da würde eine Kinovorstellung, zu der man sein Kleinkind mitnehmen kann, mehr Sinn machen. Und abgesehen davon: Wer will schon am Sonntagmorgen ins Kino.

Zweitens: Säuglinge kriegen wohl von der Story eines Films nichts mit. Und bestenfalls schlafen sie ja sowieso während dieser Zeit. Weshalb also nur Kinderfilme oder harmlose Schweizer Flops zeigen?

Drittens: Weshalb nur Kinder bis 12 Monate? Was macht in dieser Zeit das grosse Geschwisterchen? Und warum wirbt Coop auf dem Plakat und auf der Website mit einem Knirps, der garantiert älter ist?

Und Viertens: Ist es wirklich nötig, die Internet-Sozialisation schon bei unter Einjährigen zu starten? Sollen sie Jahre später ihren Chindsgi-Kollegen auf tilllate.ch zeigen, wie hip und sexy sie schon als Baby waren?

24. September 2007

YMQ (CA)

Ich glaube, ich habe in Kanada eine heimtückische Krankheit aufgeschnappt. Die Inkubationszeit scheint nicht allzu lang zu sein, denn die Symptome plagten mich schon kurz nachdem ich den mutmasslichen Ansteckungsherd zum ersten Mal wieder verlassen habe. Seltsame Silben schwirrten mir im Kopf herum, wie ein Echo der Worte, die ich am fraglichen Ort aufgeschnappt habe. Ich habe Tagträume und Halluzinationen, die Krankheit zwingt mich, seltsame Internetseiten aufzurufen und dort die Buchstaben YMQ (CA) einzugeben. Mein Herz scheint manchmal fiebrig aufzuschwellen und stärker zu schlagen, und es ergreift mich eine zähe Traurigkeit, wenn ich bestimmte Klänge höre. Ich höre zwar (noch) keine Stimmen, doch manchmal spricht ein Mensch aus weiter Ferne per E-Mail zu mir.

Was ich vorher nie kannte, hat mich in Montréal gepackt: Das Fernweh.


Nirgendwo sonst

- habe ich bei Sonnenuntergang ein Konzert gehört und im letzten Licht des Tages getanzt
- habe ich einen Sonntagnachmittag lang im Park gelegen, während ein Stück nebenan stundenlang schwitzende Leute ihre Trommeln schlugen und Hippies wie in Trance dazu tanzten
- konnte ich die perfekte Jacke finden
- habe ich in einem beinahe menschenleeren Pub eine derart leidenschaftliche Jamsession miterlebt
- habe ich zwei so schlechte Filme an einem Abend gesehen
- bin ich einen ganzen Abend lang auf der Terrasse eines Restaurants im Wind gesessen, nur um das Leben auf der Strasse darunter beobachten zu können
- habe ich in einer Suite in einem Bed&Breakfast übernachtet, in dessen Foyer antike Möbel standen und leise Violinkonzerte liefen
- habe ich auf der Dachterrasse einer Schwulenbar an einem heissen Nachmittag Sangria getrunken
- hatte ich das Gefühl, eine Stadt vom ersten Augenblick an zu lieben
- bin ich von einem halbnackten Mann, auf dessen Rücken "Love Boat Captain" tätowiert war, mit einem herrlichen Rührei (mit Zwiebeln, Champignons, Tomaten, zweierlei Käse, Schinken und Speck) bekocht worden
- habe ich auf einer verlassenen Insel in einem künstlichen See gebadet und dabei einem Wakeboarder zugeschaut
- bin ich zwei Stunden zur "Party des Jahres" gefahren, um dort (völlig overdressed) eine Waldhütte, ein Feuer und eine Handvoll fremder Leute mit ein paar Kisten Bier anzutreffen, und trotzdem eine Menge Spass zu haben

Es scheint nur ein einziges, sehr teures Medikament für diese Krankheit zu geben: Mir sehr bald wieder ein Flugticket nach Montréal zu buchen, ein paar Leute mitzunehmen und mich nochmals von dieser wunderbaren, lebendigen, unkomplizierten Stadt anstecken und gleichzeitig von meinem Fernweh heilen zu lassen.

20. September 2007

Offener Brief

Liebe Männer.

Ihr macht das ja wirklich schon ganz toll. Es ist schön, dass ich im Bus nur noch sehr selten hinter jemand eures Geschlechts sitzen muss, der sich offenkundig schon Wochen nicht mehr gewaschen hat. Ich gehe auf der Strasse gerne hinter Männern her, die gut riechen. Super, dass die meisten Männer sich die Kleidung nicht mehr von Mutti im Dreierpack in der Migros kaufen lassen. Ich mag es, wenn Männer auch hin und wieder (nicht zu tief) ins Haarlacknäpfchen greifen. Und ich finde es sogar ziemlich stylish, wenn einer selbstbewusst eine Handtasche - natürlich nicht so eine billige Gucci-Nachmache aus der Bahnhofsunterführung, sondern eine richtig schöne, sportlich-elegante, maskuline Handtasche - trägt. Metrosexuell ist doof, aber gepflegt ist durchaus sexy. Aber lasst mich euch einen guten Rat geben, von Frau zu Mann:

Schaut euch ja nicht "Popstars" an. Sonst kommt ihr noch auf ganz, ganz dumme Ideen.









Das. Geht. Nicht. *schüttel* Asymetrische Schnitte, blond gefärbte Strähnen und Haare, die wie Hühnerfedern vom Kopf abstehen, sehen nie gut aus.

(Ausnahme: Man ist nicht älter als 16, lässt das Blond weg und sieht etwas androgyn aus. Dann kann das nämlich ganz härzig aussehen. Sonst gilt: solltet ihr einmal vom Friseur nach Hause kommen und im Spiegel sowas anblicken, greift sofort zum Haartrimmer und schert euch den Kopf.)

18. September 2007

Mysteriöse Begegnung in der Zukunft

Letztes Wochenende reiste ich 5 Jahre in die Zukunft.

Ich sah: lauter ältere Leute.

Ich hörte: alte Musik.
Ich fühlte: Blasen an den Füssen (schon wieder).
Ich befand mich an einer
Ü-28-Party.

Aber eigentlich wollte ich von einer mysteriösen Begegnung berichten. Leider musste ich die Zukunft nämlich schon bald wieder verlassen, weil der letzte Zug nach Aarau, zurück in die Gegenwart, nicht allzu spät fährt. Ich holte also meine Jacke an der Garderobe ab und wurde prompt von einem Typen angesprochen.


Typ: Hallo!

Ich: Hoi

Typ: Wie heissen Sie?
Ich:
drücke mich an ihm vorbei zum Garderobenmann Evelyne
Typ:
hat irgendwas in der Hand, das ich nicht erkenne, und spielt damit Evelyne, haben Sie schon Kenntnis genommen...
Ich: Habe ich was?

Typ: ... von den zauberhaften Bällen?

Ich:
sehe, dass er einen roten Schaumgummiball von der Grösse eines Pingpongballes in der Hand hält Nein. Du musst dich aber jetzt beeilen, mein Zug fährt in zehn Minuten.
Typ: Also. Hand auf.
Ich:
Hand auf
Typ:
legt mir den Ball in die linke Hand, nimmt seinerseits einen in seine Rechte, stellt sich links neben mich und hält seine Hand neben meine Hand schliessen und schütteln bitte.
Ich: schüttle
Typ: Jetzt hier einen Kuss auf meine Wange drücken

Ich: hauche einen Kuss auf seine Wange
Typ: Und jetzt die Hand öffnen Öffnet seine Hand, sie ist leer
Ich: öffne meine Hand, halte darin zwei rote Bälle
Ich:
meine, die zwei Gläser Wein seien schon zu viel gewesen und bringe meinen Mund vor Staunen nicht mehr zu, verabschiede mich und renne mit schmerzenden Füssen zum Bahnhof

Wer mir erklären kann, wie der zweite Ball in meine geschlossene Faust schlüpfen konnte, bitte die Kommentarfunktion benützen. Danke.

10. September 2007

Mein neuer Blogtitel?

Diese fiesen fiesen schönen schönen Schuhe.










(Nein, das sind nicht die gleichen wie die, die ich vor drei Monaten gekauft habe und die hier auf einem Fötteli zu sehen waren. Diese hier sind aus Montreal und haben keinen Absatz.)


Heute war mein erster Arbeitstag, wieder zurück bei der AZ. Natürlich bin ich pünktlich aufgestanden, habe geduscht, gefrühstückt und mich dann auf den Weg zur Bushaltestelle gemacht. Dort angekommen, meine ich, gerade noch die Rücklichter um die Ecke verschwinden zu sehen, und auf der Anzeigetafel steht "14 Minuten". Na super. Blitzschnell überlegt, mein Velo steht noch im Keller, hat immer noch keine Vignette für 2007, und letztes Mal, als ich damit zum Bahnhof fuhr, gabs einen Unfall - nein, ich gehe zu Fuss hoch nach Aarau. Das ging tiptop, ich verpasste zwar den einen Zug, kam aber doch noch relativ zeitig ins Büro. Und dann fühlte ich es.

Autsch.











(Ich weiss. Schon wieder meine Füsse. Ich sollte den Blog in "Zwischen den Zehen" umbenennen.)