24. September 2007

YMQ (CA)

Ich glaube, ich habe in Kanada eine heimtückische Krankheit aufgeschnappt. Die Inkubationszeit scheint nicht allzu lang zu sein, denn die Symptome plagten mich schon kurz nachdem ich den mutmasslichen Ansteckungsherd zum ersten Mal wieder verlassen habe. Seltsame Silben schwirrten mir im Kopf herum, wie ein Echo der Worte, die ich am fraglichen Ort aufgeschnappt habe. Ich habe Tagträume und Halluzinationen, die Krankheit zwingt mich, seltsame Internetseiten aufzurufen und dort die Buchstaben YMQ (CA) einzugeben. Mein Herz scheint manchmal fiebrig aufzuschwellen und stärker zu schlagen, und es ergreift mich eine zähe Traurigkeit, wenn ich bestimmte Klänge höre. Ich höre zwar (noch) keine Stimmen, doch manchmal spricht ein Mensch aus weiter Ferne per E-Mail zu mir.

Was ich vorher nie kannte, hat mich in Montréal gepackt: Das Fernweh.


Nirgendwo sonst

- habe ich bei Sonnenuntergang ein Konzert gehört und im letzten Licht des Tages getanzt
- habe ich einen Sonntagnachmittag lang im Park gelegen, während ein Stück nebenan stundenlang schwitzende Leute ihre Trommeln schlugen und Hippies wie in Trance dazu tanzten
- konnte ich die perfekte Jacke finden
- habe ich in einem beinahe menschenleeren Pub eine derart leidenschaftliche Jamsession miterlebt
- habe ich zwei so schlechte Filme an einem Abend gesehen
- bin ich einen ganzen Abend lang auf der Terrasse eines Restaurants im Wind gesessen, nur um das Leben auf der Strasse darunter beobachten zu können
- habe ich in einer Suite in einem Bed&Breakfast übernachtet, in dessen Foyer antike Möbel standen und leise Violinkonzerte liefen
- habe ich auf der Dachterrasse einer Schwulenbar an einem heissen Nachmittag Sangria getrunken
- hatte ich das Gefühl, eine Stadt vom ersten Augenblick an zu lieben
- bin ich von einem halbnackten Mann, auf dessen Rücken "Love Boat Captain" tätowiert war, mit einem herrlichen Rührei (mit Zwiebeln, Champignons, Tomaten, zweierlei Käse, Schinken und Speck) bekocht worden
- habe ich auf einer verlassenen Insel in einem künstlichen See gebadet und dabei einem Wakeboarder zugeschaut
- bin ich zwei Stunden zur "Party des Jahres" gefahren, um dort (völlig overdressed) eine Waldhütte, ein Feuer und eine Handvoll fremder Leute mit ein paar Kisten Bier anzutreffen, und trotzdem eine Menge Spass zu haben

Es scheint nur ein einziges, sehr teures Medikament für diese Krankheit zu geben: Mir sehr bald wieder ein Flugticket nach Montréal zu buchen, ein paar Leute mitzunehmen und mich nochmals von dieser wunderbaren, lebendigen, unkomplizierten Stadt anstecken und gleichzeitig von meinem Fernweh heilen zu lassen.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ich warne vor der suchtgefahr von diesem medikament! wenn man 'mal anfängt, ist es schwer davon loszukommen.

ab morgen unterzieh ich mich selbst einer solchen fernweh-kur, wenn auch nur für wenige tage. *kleinseufz*

Anonym hat gesagt…

tja ez gsehsch wies mer goht.. aber ned nachere gwoesse stadt sondern eifach wegzcho... aber im moment beni go guet ufghobe do zfrankriich ;) macht spass :) ond hader e charte gschrebe :)
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