29. März 2012

Bolaven. What else?

Die Müdigkeit begann letzte Woche. Nach dem Essen bereite ich jeweils die zweite Lektion vor, zwischen 15 und 16 Uhr bin ich fertig. Wortwörtlich. Ich setze mich mit einer Flasche mit kaltem Wasser auf die kleine Terrasse vor dem Büro, lese oder schreibe E-Mails. Und dann fallen mir die Augen zu. Ich kann nichts dagegen tun, leise surren die zwei Deckenventilatoren, gedämpft gelangen die Geräusche aus dem Quartier zu mir hoch, mein Puls verlangsamt sich und aus herumschweifenden Gedanken werden bizarre Träume.





















Heute begann die Müdigkeit schon am Vormittag. Kurz vor zwölf ein kleines Nickerchen am Schreibtisch. Josh, unser 18-jähriger Australier, der problemlos auch fünfmal pro Tag Zmittag inklusive Dessert essen könnte, fragt pünktlich, ob jemand Hunger hat. Schweigen, vereinzeltes Grummeln. Es ist zu heiss für eine volle Mahlzeit, und viele sind heute ohnehin erst später ins Büro gekommen.

Ich habe es trotz besseren Vorsätzen erst gegen acht geschafft, mich aus dem Bett unter die Dusche zu bewegen. Dafür reichte es zwischen Frühstück und Lao-Lektion für einen kleinen Abstecher per Velo zum Markt. Bananen, eine Mini-Wassermelone, Mangos und eine frittierte Süsskartoffel. "Tao Dai?" - "Sip ho phàn." Fünfzehntausend Kip, knapp zwei Franken.


















Um eins schlurft einer der Kollegen ins Büro und sagt, draussen habe es Tee und Kaffee. Aufstehen ist anstrengend, und so mache ich erst die Aufgabe fertig, an der ich gerade arbeite, bevor ich im Zeitlupentempo nach draussen gehe. Brownies. Ein bisschen hungrig sind wohl doch die meisten.

"Why am I so tired?!", seufze ich laut, als ich mich in einen der Rattansessel fallen lasse. Alison rechnet zurück - zwei Monate bin ich nun in Asien, eine intensive Zeit, und es wird Woche für Woche heisser hier. Offenbar nimmt man nach dieser Zeit ganz automatisch den laotischen Lebensrhythmus an - fährt man nachmittags durch die Dörfer, sieht man überall auf den niedrigen, grossen Tischen unter den Pfahlbau-Häusern Leute liegen und dösen.



















Ein hervorragendes Mittel gegen die Müdigkeit gibt es hier zwar. Doch als ich mich am ersten Arbeitstag als "not a big coffee-drinker" outete, erntete ich entgeisterte Blicke. "At least you save us some money", ein augenzwinkernder Kommentar. Mir erschien Tee so viel gesünder, und zu Hause trank ich ja auch keinen Kaffee, normalerweise, sondern nur im Büro. Automatenkaffee. Und das auch mehr um der Pause willen. Als ich jedoch hier an einem der ersten müden Tage klammheimlich eine Tasse Kaffee trank, war es um meine guten Vorsätze geschehen. Paksé liegt unmittelbar neben dem Bolaven-Plateau, einer Hügellandschaft, in der Kaffee angebaut wird. Der beste Kaffee, den ich je getrunken habe (und erst noch Bio und Fair Trade - in Laos alles andere als selbstverständlich). Ich werde hier wohl doch noch zur Kaffeetrinkerin. Bolaven Coffee, what else?

25. März 2012

Sonntagmorgen, 7.05 Uhr

Südostasien kennt die Sommerzeit/Winterzeit-Umstellung nicht. Mein Handy, das irgendwie zu doof ist, um automatisch Asienzeit anzuzeigen und deswegen einfach auf MEZ+6 eingestellt ist, weiss das nicht.

Die Folge: An einem schönen Sonntag, an dem ich bis 8 Uhr schlafen könnte, bevor wir zum Zmorge abgemacht haben, quäle ich mich unwissentlich eine Stunde zu früh aus dem Bett. Bis ich den Laptop einschalte und es bemerke, habe ich geduscht und bin hellwach.

Super.

(Warum das Telefon heute allerdings 2009 anzeigt - keine Ahnung...)

23. März 2012

Mein Freund ist ein Schwein - oder andersrum?
















1. Lao-Lektion ພາສາລາວ: Verwirrung. Dieses Alphabet macht überhaupt keinen Sinn! Nur schon die ersten Buchstaben - "koh", "koh" und "koh" - dreimal mit unterschiedlicher Betonung, drei völlig unterschiedliche Schriftzeichen. Auswendiglernen ist eines, das ganze Alphabet (und das sind nur die Konsonanten!) lässt sich lernen wie ein Lied. Aber die Schriftzeichen? Ein kleiner Haken, und schon ist es ein ganz anderer Laut. Zum Glück gibts Bilder, die einem helfen - Eier, Fische und Handtaschen.






















wie in der ersten Klasse...

2. Lao-Lektion: Wow! Alles ist SO SCHÖN LOGISCH! Viel einfacher als Englisch, wo ein "wh" entweder als "h" ("who") oder als "w" ("what") ausgesprochen werden kann. Jetzt, wo die Vokale dazugekommen sind - "ö", "öö", "üö" usw. - kann ich zumindest theoretisch jedes Wort laut lesen, wenn ich nur die Schriftzeichen und die dazugehörigen Laute kenne.

3. Lao-Lektion: Ui. Doch nicht so einfach. Lesen und Schreiben ist durchaus lernbar, mit der Aussprache werden wir die Laoten aber wohl noch zum Lachen bringen. Ein winziges Zeichen macht aus dem Wort "muu" (Intonation flach, "Freund") das Wort "muu" (Intonation steigend, "Schwein")...

Jeden Morgen lernen mein australischer Kollege Josh und ich eine Stunde mit Tak, der wohl lustigsten Frau Laos'. Unsere Lehrerin ist stehend so gross wie wir sitzend und fuchtelt während des Unterrichts wild mit einer Fliegenklatsche. Ihre Stimmung wechselt sekündlich von wütend und böse dreinschauend zu fröhlich und hysterisch lachend, wenn sie von der Grammatik abschweift und Geschichten erzählt. Zum Beispiel: Was ist grösser, ein kleiner Elefant oder ein grosser Fisch? Natürlich ein kleiner Elefant, und diese Tatsache ist in Laos offenbar ungeheuer lustig... Auch gestern Nachmittag hörte man Tak wieder mal eine halbe Stunde lang durchs Büro kichern: Asia, meine britische Kollegin, hatte in einem kleinen Laden auf dem Weg ins Büro "naam hooi" gekauft. Zuckerrohrsaft. Doch auch das kann man scheinbar falsch aussprechen, und dann wird aus Zuckerrohrsaft eine andere gelbe Flüssigkeit...

Kleines Lao-Lexikon:

Sabaidee = guten Tag!
Kop jae = danke
Kop jae lai lai = vielen Dank!
Seap lai = das schmeckt sehr gut
hon lai = es ist sehr heiss
jao hon lai = du bist heiss (aus Josh's Pick-up-Line-Sammlung)
Jao süü yang? = Wie heisst du?
Khoé süü Evelyne = ich heisse Evelyne

20. März 2012

My students are hilarious.

Writing about movies.

"The girl did everything to attack the boy." (Orally, she said it right: "attract the boy")

"The film talks about do not leave your friends and go with boyfriend (lol)." ("lol"? Ok, it's English...)

"I love 'Chukky'."
























Adverb Poems.

Boring work
I always do work slowly.
My boss looks at me angrily.
Suddenly, I go outside again.

-

I feel so badly.
I work lazily.
I can steal so quickly.
But I can't steal your lovely heart.

-

I looked at you suddenly.
You smile at me slowly.
And you have so shy.
So I fall in love carefully.


Gotta love them.

19. März 2012

Random.

Likes:
- Sticky rice with mango
- Limericks (students love them)
- Mekong sunsets






















- working barefeet
- Lao kids yelling "helloooo" when I ride by on my bicyle
- My Tweety USB stick









- The fact that a 1 hour full body massage only costs 35 000 Kip (not even 5 bucks)
- Zigitros

Dislikes:
- The card game "Scum" ("Arschlöchle")
- Adverbs (Grammar book: "Most of the times we place adverbs after the verb, however, if there's an object, we USUALLY don't place the adverb between the two. Some adverbs can change position (which ones, however, is totally random). Many adverbs end in -ly. There are also many adverbs that do not end in -ly. Adverbs modify a verb or an adjective. They can also express frequency/attitude/time/place/relative time. Sometimes an adverb can also be used as a preposition, e.g. 'along' or 'past'." Explain that to my students, please.)
- Mosquitos (and when my anti-mosquito-spray is empty)
- Waking up at night because it's too hot, turn on the air con, fall asleep, wake up two hours later because it's a little chilly now
- "My" bicycle's got just one gear. One or two more wouldn't hurt.

16. März 2012

Ferien in Laos.






















Zuallerletzt hätte ich gedacht, dass ich hier Campingferien machen würde. Backpacker-Trips zu den 4000 Islands, mit Übernachtungen in Kakerlakenverseuchten Guesthouses, ja. Aber Zelten? In Laos? Schon zwei Wochen nach meiner Ankunft sind Ferien, und mit fast dem ganzen Team fahren wir in die Berge, mit Gaskochern, vier Zelten, Strandmatten und einem Riesen-Vorrat an Instantnudelsuppe und Müsli im Gepäck.





















Fünf Stunden Fahrt vom nächstgrösseren Ort mit Elektrizität und fliessendem Wasser campieren wir an einem kleinen Fluss. Um 18.30 ist es stockdunkel, ein atemberaubender Sternenhimmel, bis sich der Mond um Mitternacht strahlend hell über die Hügelkuppen erhebt. Doch 19 Uhr fühlt sich an wie halb zwölf, und so schlafen wir meistens schon um acht. Die Hitze des Tages verfliegt schnell, und - noch eine Überraschung in Laos! - nachts wird es richtig kalt. Zum Glück habe ich Oropax dabei, denn nachts bevölkert eine Herde Wasserbüffel mit laut scheppernden Glocken unseren Zeltplatz, frisst das verbrannte Holz vom Feuer und knabbert am Kürbis, den wir in einem der Dörfer geschenkt bekommen haben.




































Am nächsten Tag die abenteuerlichste Dusche, die ich je erlebt habe: Im von Grabungen weiter oben getrübten Fluss, zwei Falang- und drei Lao-Frauen. Auf dem Markt habe ich zwei Bade-Sinhs ("Sinh" ist die Bezeichnung für den traditionellen laotischen Jupe) gekauft, einen dieser dünnen Stoffschläuche ziehe ich mir nun über die Kleidung, halte ihn mit den Zähnen fest, während darunter alles ausgezogen wird. Dann vorsichtig ins hüfttiefe, kühle Wasser waten, vorbeugen und Haare waschen. So erfrischend! Weiter oben putzt sich Tak die Zähne, während Ting neben mir lachend und kreischend fast ins Wasser fällt.






















Auf der Suche nach einem passenden Badepool - und der Platz, den wir schliesslich benutzten.

Während wir Europäerinnen es viel einfacher fänden, einfach mit Bikini in den Fluss zu steigen, ist es für Laotinnen undenkbar, mehr als nur die Schultern nackt zu zeigen - sogar in rein weiblicher Gesellschaft. So wird das Abtrocknen zu einer komplizierten Zeremonie, bei der der zweite, trockene Bade-Sin übergestreift wird und man sich darunter wieder anzieht.


















Halbwilde Pferde ein paar Meter neben unserem Zeltplatz.

Das laute Zirpen der Grillen überall entlang den Strassen, die stillen Plätze an seichten Flüssen, das Wegdösen beim Lesen am Nachmittag auf der Strandmatte - plötzlich sind die Tausenden von Kilometer zwischen Laos und Europa nichts mehr, trotz gelegentlichem Culture Clash. Ich erinnere mich an Campingferien in Frankreich, Italien, und an die Aare-Sandbänke-Nachmittage, die ich so liebe. Etwas, das ich am meisten vermissen würde diesen Sommer. Nun habe ich es schon im März hier wiedergefunden.

7. März 2012

Guide to an Escape.

Eine treue Begleiterin hatte ich auf all meinen Reisen. Keine Ferien bei den Grosseltern, kein Jungschilager, kein Klassen- oder Studienlager, wo sie nicht dabei war. Manchmal näher, manchmal nur leicht stichelnd - Heimweh. Ich kenne sie gut, weiss, wie sie an einem zieht, wie penetrant sie sich in die Gedanken schleicht, einen nicht loslässt und durch ihre Anwesenheit sogar die besten Zeiten verderben kann. Keine Ahnung, wie sie sich jedesmal in mein Gepäck geschlichen hat oder mich an den fernsten Orten aufspürte. In den letzten Jahren liess sie mir ein bisschen mehr Freiheit, trotzdem gab es auch in Japan oder in Kanada Stunden, in denen ich trotz Abenteuer, trotz überwältigender Natur und guten Freunden nicht richtig froh war.

Meine grösste Angst vor der Abreise war deshalb nicht, dass ich krank werden könnte, dass mir der Job als Lehrerin nicht gefallen würde oder dass ich am neuen Ort Kakerlaken im Zimmer haben könnte. Am meisten fürchtete ich mich davor, meine alte Bekannte in Laos wieder zu treffen.

Offenbar hatte es zu wenig Platz im Koffer.

Ich bin immer noch allein hier.

Trotzdem kommt es hier, am anderen, ruhigeren, heisseren Ende der Welt vor, dass ich mir wünschte, einen Teil meines Zuhauses bei mir zu haben. Oder mal kurz zurückzufliegen. Wenn ich so gerne eine bestimmte CD auf Youtube anhören oder auf iTunes kaufen würde und merke, dass das Internet wirklich nicht schnell genug ist. Oder wenn eine meiner Lieblingsbars in der Aarauer Altstadt ein Konzert ankündigt, dass ich doch so gerne besuchen würde.



Ich würde mit Freunden mitten im Gedränge stehen, ein Glas Rotwein in der Hand, und mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort fühlen.

Das gleiche Gefühl, das ich hier habe.

Nur leider ohne die gute Musik.

4. März 2012

The Lao Sea.

Es ist so anders, das Leben hier, dass ich lange nicht wusste, wo anfangen mit Erzählen.

Jeder Tag ist gefüllt mit Lektionen vorbereiten, Zmittag, bitz Pläuderle, um 5 und 6.45 meine beiden Englischlektionen, danach Znacht. Freitag frei, d.h. den ganzen Tag Kaffeestunde, Staff Meeting, mit dem australischen Kollegen um Glacés "connect four" spielen, bitz Pläuderle, zusammen Znacht essen. Alles in allem immer was zu tun. Same-same, Montag bis Donnerstag.

Dann Wochenende. Ein perfekter Samstag: Meine neue laotische Freundin Ting, die an der Schule Hauswirtschaft unterrichtet, nimmt mich mit zum Markt und zu ihrer Schneiderin, um ein, zwei traditionelle Wickelröcke zu kaufen. Phö-Suppe zum Zmittag in einer Strassenbeiz am Ufer des Sedong, Hühner flattern auf den unbenutzten Tischen herum, trotzdem - und trotz Eiswürfeln im Tee - keine Verdauungsprobleme. Nach dem Essen kommt eine Strassenhändlerin an den Tisch, präsentiert ihre Ware. Kleine, schimmernde grüne Käfer, die man am besten frittiert isst, sagt Ting.

Und dann fahren wir an die "Lao Sea": kein Meer, dafür Sandstrände am Ufer des Mekong. Wassermelonen-, Morning Glory- und Gurkenfelder auf weiten Teilen des Strands - und kleine Beizen mit Blätterdach, wo man die Wassermelonen frisch vom Feld kaufen und essen kann, während die Bäuerinnen ein paar Meter weiter mit Giesskannen dafür sorgen, dass ihre Saat nicht austrocknet.

DSC08273

DSC08282

DSC08289

In der Regenzeit ab Mai wird all das überflutet sein. Heute rennen Mönche in ihren leuchtend orangen Gewändern ins Wasser, und ganze Familien überqueren die schmale Bambusbrücke, um die Hitze am Strand anstatt in der Stadt zu verbringen. Wir, zwei "Falang" und zwei Lao-Frauen, rennen wie kleine Kinder mit den Kleidern ins Wasser - wie die Einheimischen, die Badekleider nicht kennen. Wir spritzen uns gegenseitig nass und spielen dann eine halbe Stunde lang mit unserem improvisierten Wasserball - einer Dächlichappe, die wir eintauchen und einander zuwerfen.

DSC08321

Während die Sonne glutrot untergeht, isst eine Bauernfamilie am Ufer Znacht. Tisch und Stühle stehen im Wasser, Füess bade beim Essen. Die Mönche fahren in ihrem schmalen Motorboot zurück zum Wat am Sedong River, der fünfhundert Meter von hier in den Mekong mündet. Und wir, glücklich, hungrig, machen uns mit den Motorbikes auf den Weg zurück in die Stadt. Es wird dunkel, und der warme Fahrtwind trocknet unsere Kleider.

DSC08344