Nach zwei Wochen sind die neuen Schüler sich selber. Die einen getrauen sich dann, die ganze Stunde in Lao mit ihrer Banknachbarin durchzuplaudern, wenn ich sie nicht ermahne. Die anderen legen ihre Schüchternheit ab und sprechen endlich ein wenig lauter. Wieder andere kommen eine Viertelstunde zu früh, weil sie herausgefunden haben, dass ich Französisch spreche, und sie mit mir üben wollen. Ein Schüler stellt mir jeden Tag eine schwierige Frage zu einem Satz aus einem Buch oder Film, den er nicht verstanden hat, und ich bin jedesmal gespannt darauf.
Die Gesichter, die mir während der Stunde entgegenblicken, sind nicht mehr fremd und erwartungsvoll, sondern vertraut und offen. Das verschmitzte Lächeln von Miss N mit ihren schiefen Zähnen, die femininen Handbewegungen von Mr P, das verkniffene Gesicht von Mr Ph, wenn er etwas nicht versteht. Ich weiss, wen ich zum Aufpassen mahnen muss und wer die Prüfung auch so bestehen wird. Ich kenne inzwischen alle Namen, weiss, wer von den Schülern tatsächlich nicht gut Englisch spricht und wer sich einfach nicht traut. Augenkontakt ist ohne Verlegenheit möglich, die Fronten sind geklärt, ich muss mich nicht mehr in jeder Stunde beweisen.
Meine erste Klasse ist schwierig: sieben bis neun Schüler, davon nur drei junge Frauen. Ein Mönch, der zwar verhältnismässig gut Englisch kann, aber die Hälfte der Stunden nicht auftaucht. Ein unglaublich lerneifriger Lehrer, der während der Schulzeit jedes Wochenende aus der fünf Stunden entfernten Provinzstadt nach Paksé kommt, um sein Englisch und Französisch zu verbessern. Einer meiner früheren Schüler, der gewisse Dinge auch nach zehnmaligem Erklären nicht begreift. Sein Gesicht ist immer entweder vor Unverständnis völlig verrunzelt oder dann strahlt er, wenn in einem Text Fussball und Love Stories vorgekommen sind oder er von mir ein Lob bekommen hat. Ein 35-jähriger Belgier, der eine Laotin heiraten wird und sein Englisch verbessern will. Einer unserer Angestellten, der gerade sein Businessdiplom macht und der als einer der wenigen kritisch denken kann, aber dessen Aussprache so schlecht ist, dass ich seine Anmerkungen meist nur erraten kann. Jeder braucht etwas anderes von mir, jedem muss ich Dinge auf andere Art und Weise erklären, jeder hat einen anderen Lernstil und mag andere Aktivitäten im Unterricht.
Ich bin froh, dass diese Stunde die erste der beiden ist, denn danach bin ich praktisch jedesmal frustriert, weil meine Erklärungsversuche und meine Aktivitäten nicht bei allen gleich angekommen sind. Dann geniesse ich die zweite Stunde mit den durchschnittlich etwas älteren Schülern, die Aufgaben mit Humor und Lernwillen angehen und mit denen ich auch kompliziertere Themen - inhaltlich wie grammatikalisch - besprechen kann.
Vier Wochen als Lehrerin liegen noch vor mir. Ich werde versuchen, jede Schulstunde zu geniessen.
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28. Juni 2012
2. April 2008
Wer bis'n du?
Dass ich mich nach meinem Abschluss als Dipl. Designerin FH bezeichnen darf, wie ich heute der Anmeldung zur Diplomprüfung entnehmen konnte, finde ich im Prinzip ja noch lässig, aber völlig ungerechtfertigt. Aber wenn halt die Ausbildung nicht wirklich berufstauglich ist, gibts natürlich dafür auch keine angemessene Bezeichnung. (Andernorts nennt man uns zwar dann "Kunsttheoretiker". Das finde ich hingegen wieder recht abgehoben.)
Vielleicht muss man den Begriff "Designer" halt ein wenig ausweiten, abgesehen davon, dass ich ja schon noch gerne bastle und zeichne. Ich bin dann halt eine Gestalterin des Diskurses über Kunst (offenbar hab ich an meiner Schule zumindest Fremdwörter gelernt).
Aber noch lieber wäre mir, ich hätte nach dem Studium einfach einen festen Job bei einer Zeitung. Dann würde ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: ich hätte meinen Traumjob und, auch nicht zu verachten, eine klare und verständliche Berufsbezeichnung: Journalistin.
Vielleicht muss man den Begriff "Designer" halt ein wenig ausweiten, abgesehen davon, dass ich ja schon noch gerne bastle und zeichne. Ich bin dann halt eine Gestalterin des Diskurses über Kunst (offenbar hab ich an meiner Schule zumindest Fremdwörter gelernt).
Aber noch lieber wäre mir, ich hätte nach dem Studium einfach einen festen Job bei einer Zeitung. Dann würde ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: ich hätte meinen Traumjob und, auch nicht zu verachten, eine klare und verständliche Berufsbezeichnung: Journalistin.
5. Februar 2008
Schreibtisch-Potatoe
Es bringt viele Vorteile mit sich, zu Hause arbeiten zu können: Man - frau - ist flexibel, was die Zeiteinteilung angeht. Kann ausschlafen, mitten am Vormittag ein Bad nehmen oder die Arbeit für einen kurzen Besuch unterbrechen. Es überwacht einen niemanden, man muss an keine Sitzungen, kann auch gut im Pijama am Schreibtisch sitzen und zwischendurch ein Fasnachtschüechli futtern. Es stört niemanden, wenn man geräuschvoll die tropfende Nase hochzieht oder mal furzt. (Es stelle sich aber jetzt niemand vor, dass ich all das gleichzeitig oder ständig tue... die weibliche, arbeitende Version des fetten Couch-Potatoes mit Bier und Chips bin ich nicht :) Heute trage ich sogar Jeans und nicht bloss eine Jogginghose! (Naja, eigentlich nur weil mein Freund, der zum Mittagessen kam, mich empört mit "fuuli Trocke" ansprach, da hab ich mich schnell "richtig" angezogen. Dafür bin ich fast gleich früh wie er aufgestanden, um viertel nach sieben nämlich. Jawohl.))

Leider zieht die flexible Arbeit auch Nachteile mit sich. Man hat keine geregelten Arbeitszeiten, wird die leise "du-solltest-doch-noch"-Stimme auch abends nicht los und wird ständig abgelenkt, ob nun durch ein SMS, die Zeitung, die Katze, Leute, die auf dem Tennisplatz nebenan am Schwitzen sind (ich hüte gerade bei meinen Eltern besagte Katze, bei uns zu Hause hat es leider keinen Tennisplatz). So bin ich über jede Minute stolz, in der ich es tatsächlich schaffe, zu arbeiten. Und sonst gilt: morgen ist ja auch noch ein Tag.
(Unser Schnüfi, Maybelline.)

Leider zieht die flexible Arbeit auch Nachteile mit sich. Man hat keine geregelten Arbeitszeiten, wird die leise "du-solltest-doch-noch"-Stimme auch abends nicht los und wird ständig abgelenkt, ob nun durch ein SMS, die Zeitung, die Katze, Leute, die auf dem Tennisplatz nebenan am Schwitzen sind (ich hüte gerade bei meinen Eltern besagte Katze, bei uns zu Hause hat es leider keinen Tennisplatz). So bin ich über jede Minute stolz, in der ich es tatsächlich schaffe, zu arbeiten. Und sonst gilt: morgen ist ja auch noch ein Tag.
(Unser Schnüfi, Maybelline.)
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