26. Februar 2012

Kühe, Motorräder und Stehklos


Häuser auf Stelzen und solche, denen man die französische Kolonialherrschaft ansieht; Kühe, die seelenruhig mitten über die Landstrasse stolzieren, die von bunten Ständen mit Früchten und gebratenen Hühnern gesäumt ist; Frauen, die den traditionellen langen Wickelrock tragen und Männer, die auf Holzwagen liegen und ein Nickerchen halten.

Nach dem langen Weg nach Paksé und einem halben Tag in meinem neuen Zuhause sind es jedoch vor allem Geräusche, die mir auffallen. Alles erscheint mir noch fremd: Das Rauschen der Klimaanlage, die ich zum Einschlafen anlasse, zum Beispiel. Zwar ist die Luft im Freien nicht mehr ganz so heiss wie tagsüber, doch im Flur vor meinem Zimmer staut sich die Hitze und es fühlt sich an wie in einem Backofen. Dazu mischt sich das Zirpen der Grillen, die sich offenbar zu Tausenden in den Büschen und Gräsern verstecken. Hin und wieder höre ich das Bellen eines Hundes, aber es ist nicht so schlimm wie in Chiang Mai, wo die Hunde vor Mitternacht alle gemeinsam den Mond anheulten. Auch dieser sieht hier anders aus: Die Sichel ist nicht senkrecht, sondern waagerecht wie ein U - oder eine goldene Reisschüssel.

Im Kopf höre ich das schnelle Englisch meiner neuen Kollegin Asia, die mich zum Abendessen in ein nahes Restaurant eingeladen hat. Als sie zum Schulhaus fuhr und ich das Knattern ihres Motorrads hörte, wurde ich kurz nervös. Ich vermisse meine Freunde und freue mich, endlich neue kennen zu lernen - wird sie eine von ihnen werden?

Dann ist da das Quietschen des Eisentores vor der Schule, in der ich in der ersten Zeit nicht nur unterrichten, sondern auch wohnen werde. Die Schritte des Nachtwächters, der hin und wieder seine Runden dreht. Und morgen Abend werden zu all diesen Geräuschen auch die Stimmen meiner neuen Schüler kommen. Ich werde ankommen in meinem neuen Schulzimmer, meinem neuen Beruf, meinem neuen Leben für das nächste halbe Jahr. Voller neuer Geräusche.

Sogar Pinkeln klingt hier anders: Ich werde mich an ein Stehklo gewöhnen müssen.

Bild: images.travelpod.com

22. Februar 2012

Zufälle.

148 000 Einwohner hat Chiang Mai. Hunderte, wenn nicht Tausende davon besuchen jeden Abend den Nachtmarkt gleich gegenüber unserer Schule, an dem man von Kleidern (Marke: Polyester) über Schuhe (Grösse: bis 37), Nagellack (alle Farben) und Souvenirs bis hin zu gluschtigen Torten, glasierten Bananen, Green Curry und Udon-Suppe alles kaufen kann.




Jede Stunde fahren Dutzende von Songthaews (rote Taxis) am Markt vorbei und laden jeweils zwei bis acht Fahrgäste auf. Schon einige Male habe ich auf dem Heimweg erfrischende Gespräche mit Thai-Frauen gemacht, meistens Studentinnen, die ihre Englischkenntnisse gerne gebrauchen. Einmal habe ich im Taxi sogar die Receptionistin meines Guesthouses kennen gelernt. Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zweimal im Taxi zu treffen, ist jedoch in dieser Rechnung sehr klein.

Wie witzig war es deshalb, als ich gestern dem gleichen Thai wie schon letzte Woche einmal im Taxi gegenüber sass! Ich erkannte ihn wieder, er ist so um die 45, trägt einen Schnauz und hat eine runde Kühlbox bei sich. Er erkannte mich offenbar auch wieder, denn er begrüsste mich mit einem herzlichen Lächeln und einem lauten "Sawathikaa", wo man sich normalerweise im Taxi bestenfalls zunickt. Leider verstand ich seine Fragen auf Thailändisch nicht, er meine Antworten auf Englisch auch nicht, und so blieb es bei Sawathikaa - doch bevor er ausstieg, öffnete er den Deckel seiner Kühlbox und hielt mir eine duftende Kette mit gelben Nelken entgegen. "How much?", fragte ich, worauf er energisch den Kopf schüttelte und mir die Blumen schenkte. "Kap kun kaa!" - "Danke!"


Die Blumen hängen an meinem Spiegel im Guesthouse. Und bevor ich heute morgen mein Zimmer verliess, packte ich, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich dem netten Herrn nochmals begegnen sollte, einen Kalender mit Fotos aus der Schweiz ein. Ein ganzer Stapel davon (danke Ralph und Schweiz Tourismus!) wartet in meinem Koffer darauf, als Dankeschön oder Mitbringsel auf meiner Reise verschenkt zu werden. Nun habe ich morgen meine letzte Übungslektion, und so holte ich mir heute nach der Schule nur rasch bei Seven Eleven eine Instant-Nudelsuppe und hielt, noch vom Fussgängerstreifen aus, das nächstbeste Songthaew an. Ein paar Sekunden nach mir stieg ein weiterer Fahrgast zu - der nette Herr mit der Kühlbox. Ein sprachloses, aber herzliches Wiedersehen!

18. Februar 2012

Thai Lovestory.

Letzte Woche @ ECC.

Carl: (zeichnet zwei Figuren in ein Herz) Who is this woman? Can we give her a name?

Students: Jenny.

Carl: And who's the man?

Students: Alex (Al ist einer von uns Trainees, deswegen fangen die Schüler an zu kichern)

Carl: Where did Alex and Jenny meet?

Student: In the park (sagen sie, da ihre Aussprache aber so schlecht ist, versteht Carl "in the pub")

Carl: In the pub, ok! What did they do there?

Students: Dance

Carl: Good! Anything else?

Students: Get drunk (immer mehr Gelächter, die Schüler - hauptsächlich SchülerINNEN - sehen nicht aus, als würden sie sich jedes Wochenende besaufen.)

Carl: (erstaunt) Wow - ok! And when did they meet?

Students: (alle reden durcheinander)

Carl: (versucht etwas herauszuhören) Last year?

Students: (immer noch ein unverständliches Geschwafel)

Carl: Last week? (dann versteht er endlich, was sie sagen) Ooh - last night?! Wow, you guys move fast!

Students: (lachen)

Carl: So - what did they like to do together, last night?

Students: (die einen machen sich so ihre Gedanken und grinsen einander an, der Rest findet es einfach so lustig)

Wir anderen Lehrer: (haben grosse Mühe, lehrermässig dreinzuschauen und nicht laut loszulachen)

Students: (tuscheln, kichern verlegen, wissen nicht mehr was sagen)

Carl: What do they like to do together?

Students: ...talk

Carl: (erleichtert) Ok! Talk! Good!

17. Februar 2012

"Where Nature Nurtures Beautiful Intelligence"

Aus Faulheit und weil sie so schön sind, ein paar Fotos und knappe Kommentare.

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Schöne Laternen irgendwo in der Altstadt.

Next: Spaziergang zur Post im (riesigen!) Campus der Chiang Mai University. Ich hab die Uni zwar nur von aussen gesehen, würde aber sofort hier studieren wollen. "Where Nature Nurtures Beautiful Intelligence" ist der Slogan der CMU - klingt kitschig, aber schaut euch die Fotos an: Der Park ist wunderschön. Und wer wäre schon nicht gern beautifully intelligent.

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Der Rasen ist etwas komisch:

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Dafür haben sie hier Bäume mit Blättern, die doppelt so gross sind wie meine Füsse!

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(Das Foto entstand drei Sekunden bevor ich vom Rasensprenkler überrascht wurde.)

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Der Baum hier ist auch beautiful:

Offenbar eine Art Wunschbaum, an den die Leute goldene Blätter mit ihren Gebeten hängen. So hab ich das jedenfalls interpretiert. Mein persönlicher Wunsch für dieses Wochenende: Mit allen Hausaufgaben durchkommen, so dass ich morgen noch ein letztes Mal an den Pool kann.

Im Nirvana.

Meine Schultern sind völlig verspannt - meine "I Heart Aarau"-Tasche mit den Schulsachen wird von Tag zu Tag schwerer. "Are you okay?", fragte die Masseurin, als sich meine Muskeln nach zwanzig Minuten immer noch wie Stahlseile anfühlten. "Yes, fine", antwortete ich so überzeugend wie möglich. Drei Wochen Schule, kein Sport, kein Ausgang im eigentlichen Sinne, da braucht es mehr als eine einzige Massage, um locker zu werden. Was für ein Fehler, dass ich mir erst heute eine gegönnt habe! Dabei läge das Nirvana gleich neben meiner Schule.



13. Februar 2012

Unterwegs.



Es ist dunkel, aber noch angenehm warm. Ich halte ein Päckli mit Green Curry in der Hand, das ich in meiner Lieblingsbeiz auf dem Markt vis-à-vis der Schule gekauft habe, und halte Ausschau nach einem Taxi. Um 20 Uhr sind nicht mehr so viele unterwegs wie tagsüber, doch länger als zwei Minuten muss ich auch heute nicht warten, bis ich eines herannahen sehe. Ich hebe den Arm und winke, mit den Fingern nach unten, wie es sich hier gehört. “Chang Phuak Gate?”, frage ich und lächle den Fahrer durchs offene Fenster hoffnungsvoll an.

Manchmal ist es witzig, manchmal anstrengend, das Ritual mit den “Rod Daengs” oder “Red Songthaews”, wie die roten Taxis auch heissen. Auf dem Heimweg von der Schule klappt es meistens beim ersten oder zweiten Taxi, denn die meisten Leute wollen vom Markt in Richtung Zentrum. Um morgens vom Guesthouse zur Universität zu kommen, braucht es hingegen oft fünf oder sechs Versuche. Hat der Fahrer bereits andere Gäste und eine andere Route geplant, schüttelt er den Kopf und drückt aufs Gas. Selten gibts ein Lächeln und ein “Sorry!”. Manchmal ist das Taxi leer und fährt trotzdem davon - da jede Fahrt in der Regel 20 Baht kostet, ist manchem Fahrer die Universität zu weit entfernt und damit zu wenig lohnenswert. 20 Baht sind ungefähr 70 Rappen – ein Drittel davon, was das Busticket in der Schweiz kostete, wenn das Wetter wieder mal zu schlecht war um mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Manchmal versuchen die Fahrer von mir als “Falang” (Weisse) das Doppelte zu heischen. Dann lasse ich sie gerne wieder wegfahren, ohne einzusteigen, denn mit sich verhandeln lassen sie meist nicht.


Heute Abend habe ich Glück, schon der erste Fahrer nickt. Er nennt keinen Preis, das bedeutet Standard - 20 Baht. Als ich am Minibus vorbei nach hinten gehen will, höre ich ihn etwas rufen - er winkt, ich solle vorne einsteigen. “Along street, many men”, sagt er, und ich begreife nicht ganz, was er meint. Doch Sekunden nach dem Abfahren hält er schon wieder an und lässt sechs Rekruten einsteigen – zu den mindestens fünf Fahrgästen, die er hinten schon mitführt. Fröhlich nickt er, als ich begreife und “Kap Kun Kaa”, “danke”, sage, und plaudert während der zehnminütigen Fahrt in gebrochenem Englisch mit mir.


Manchmal hat es auch etwas Gutes, wenn sich die Fahrer nicht auf einen Umweg einlassen und einem vor der Nase davonfahren. Letzte Woche hatten wir einen Vormittag frei und so wollte ich vor der Schule noch ins Central Plaza, ein grosses Einkaufszentrum ganz in der Nähe. Das zweite Songthaew nahm mich mit, schlug jedoch gleich an der nächsten Kreuzung eine für mich ganz falsche Richtung ein. “Vielleicht weiss er ja einen Weg an dem vielen Verkehr vorbei”, dachte ich, klopfte kurz darauf aber trotzdem an die Scheibe. Der Beifahrer lachte, nickte lebhaft und zeigte auf sich selbst. Ah, zuerst wird er abgeliefert, natürlich.

Eine Viertelstunde und zwei, drei Kilometer später steigt er aus, endlich gehts für mich weiter – meine ich jedenfalls. Eine Thai-Frau steigt zu und wird nach einem kleinen Umweg zehn Minuten später am Blumenmarkt abgesetzt. Die Richtung stimmt immer noch nicht – und als ich sicher bin, dass wir komplett falsch fahren, drücke ich den Klingelknopf. Das Taxi hält an, ich steige aus und wiederhole vorn beim Fahrer mein Ziel: “Central Plaza?” – “Yeees”, und er deutet in Fahrtrichtung. Ich schüttle den Kopf und deute in die Richtung, in der das Einkaufszentrum liegt. “Central Plaza?”, frage ich skeptisch. “Yes! Central Airport Plaza!” – “Not Airport, just Central Plaza!” – “Kad Suan Kaew?” – “Yes, Central Plaza, Kad Suan Kaew!” Inzwischen kein Thai-Lächeln mehr auf dem Gesicht des Fahrers. Entnervt schüttelt er den Kopf, ebenso entnervt blicke ich mich um. Ich halte ihm einen 20-Baht-Schein hin. Er weist ihn ab, drückt aufs Gas und ich gehe davon.

40 Minuten verloren. Während der Fahrt habe ich festgestellt, dass ich mein Jäckchen im Guesthouse vergessen hatte. Entweder noch kurz ins Central Plaza und den Rest des Tages im Schulzimmer frieren, oder nochmals zurück ins Guesthouse. Vis-à-vis im nächsten Songthaew sitzt einer dieser älteren europäischen Herren, von denen es hier so viele gibt. Offenbar liegt das Guesthouse nicht ganz auf der geplanten Route, denn wir fahren einen kleinen Umweg, um ihn abzuladen. Wo? Vor dem Central Plaza.

11. Februar 2012