
Es ist dunkel, aber noch angenehm warm. Ich halte ein Päckli mit Green Curry in der Hand, das ich in meiner Lieblingsbeiz auf dem Markt vis-à-vis der Schule gekauft habe, und halte Ausschau nach einem Taxi. Um 20 Uhr sind nicht mehr so viele unterwegs wie tagsüber, doch länger als zwei Minuten muss ich auch heute nicht warten, bis ich eines herannahen sehe. Ich hebe den Arm und winke, mit den Fingern nach unten, wie es sich hier gehört. “Chang Phuak Gate?”, frage ich und lächle den Fahrer durchs offene Fenster hoffnungsvoll an.
Manchmal ist es witzig, manchmal anstrengend, das Ritual mit den “Rod Daengs” oder “Red Songthaews”, wie die roten Taxis auch heissen. Auf dem Heimweg von der Schule klappt es meistens beim ersten oder zweiten Taxi, denn die meisten Leute wollen vom Markt in Richtung Zentrum. Um morgens vom Guesthouse zur Universität zu kommen, braucht es hingegen oft fünf oder sechs Versuche. Hat der Fahrer bereits andere Gäste und eine andere Route geplant, schüttelt er den Kopf und drückt aufs Gas. Selten gibts ein Lächeln und ein “Sorry!”. Manchmal ist das Taxi leer und fährt trotzdem davon - da jede Fahrt in der Regel 20 Baht kostet, ist manchem Fahrer die Universität zu weit entfernt und damit zu wenig lohnenswert. 20 Baht sind ungefähr 70 Rappen – ein Drittel davon, was das Busticket in der Schweiz kostete, wenn das Wetter wieder mal zu schlecht war um mit dem Velo zur Arbeit zu fahren. Manchmal versuchen die Fahrer von mir als “Falang” (Weisse) das Doppelte zu heischen. Dann lasse ich sie gerne wieder wegfahren, ohne einzusteigen, denn mit sich verhandeln lassen sie meist nicht.

Heute Abend habe ich Glück, schon der erste Fahrer nickt. Er nennt keinen Preis, das bedeutet Standard - 20 Baht. Als ich am Minibus vorbei nach hinten gehen will, höre ich ihn etwas rufen - er winkt, ich solle vorne einsteigen. “Along street, many men”, sagt er, und ich begreife nicht ganz, was er meint. Doch Sekunden nach dem Abfahren hält er schon wieder an und lässt sechs Rekruten einsteigen – zu den mindestens fünf Fahrgästen, die er hinten schon mitführt. Fröhlich nickt er, als ich begreife und “Kap Kun Kaa”, “danke”, sage, und plaudert während der zehnminütigen Fahrt in gebrochenem Englisch mit mir.
Manchmal hat es auch etwas Gutes, wenn sich die Fahrer nicht auf einen Umweg einlassen und einem vor der Nase davonfahren. Letzte Woche hatten wir einen Vormittag frei und so wollte ich vor der Schule noch ins Central Plaza, ein grosses Einkaufszentrum ganz in der Nähe. Das zweite Songthaew nahm mich mit, schlug jedoch gleich an der nächsten Kreuzung eine für mich ganz falsche Richtung ein. “Vielleicht weiss er ja einen Weg an dem vielen Verkehr vorbei”, dachte ich, klopfte kurz darauf aber trotzdem an die Scheibe. Der Beifahrer lachte, nickte lebhaft und zeigte auf sich selbst. Ah, zuerst wird er abgeliefert, natürlich.
Eine Viertelstunde und zwei, drei Kilometer später steigt er aus, endlich gehts für mich weiter – meine ich jedenfalls. Eine Thai-Frau steigt zu und wird nach einem kleinen Umweg zehn Minuten später am Blumenmarkt abgesetzt. Die Richtung stimmt immer noch nicht – und als ich sicher bin, dass wir komplett falsch fahren, drücke ich den Klingelknopf. Das Taxi hält an, ich steige aus und wiederhole vorn beim Fahrer mein Ziel: “Central Plaza?” – “Yeees”, und er deutet in Fahrtrichtung. Ich schüttle den Kopf und deute in die Richtung, in der das Einkaufszentrum liegt. “Central Plaza?”, frage ich skeptisch. “Yes! Central Airport Plaza!” – “Not Airport, just Central Plaza!” – “Kad Suan Kaew?” – “Yes, Central Plaza, Kad Suan Kaew!” Inzwischen kein Thai-Lächeln mehr auf dem Gesicht des Fahrers. Entnervt schüttelt er den Kopf, ebenso entnervt blicke ich mich um. Ich halte ihm einen 20-Baht-Schein hin. Er weist ihn ab, drückt aufs Gas und ich gehe davon.
40 Minuten verloren. Während der Fahrt habe ich festgestellt, dass ich mein Jäckchen im Guesthouse vergessen hatte. Entweder noch kurz ins Central Plaza und den Rest des Tages im Schulzimmer frieren, oder nochmals zurück ins Guesthouse. Vis-à-vis im nächsten Songthaew sitzt einer dieser älteren europäischen Herren, von denen es hier so viele gibt. Offenbar liegt das Guesthouse nicht ganz auf der geplanten Route, denn wir fahren einen kleinen Umweg, um ihn abzuladen. Wo? Vor dem Central Plaza.
