26. Juni 2013

Hassliebe.

"That's really German", befand meine Kollegin Asia, als ich ihr sagte, dass wir im Deutschen das Wort "Hassliebe" haben. Auf Englisch gibt es kein spezielles Wort für dieses Gefühl - man würde einfach "hate and love" sagen. 

Josh sagte mir, er habe laut lachen müssen, als er die Klassenzuteilung sah. Tatsächlich, als ich erfuhr, dass ich dieses Semester jeden Nachmittag eine Horde Kinder unterrichten würde, schluckte ich erst mal leer. The thing is: Ich mag Kinder nicht so. Diejenigen, für die das neu ist, werden mich jetzt vielleicht für einen schlechten Menschen halten. Aber ganz ehrlich: Kinder im Allgemeinen, wie sie einem im Migros, auf der Strasse oder im Zug begegnen, finde ich nervig und störend. Ganz besonders im Klassenverband frühmorgens im Bus oder am Sonntagmorgen im engen Aarauer Bahnhof-Coop. Ebenso nervig sind oft ihre Eltern: (schneidende Stimme, kurz vor dem Nervenzusammenbruch) "Kevin/Fabian/Chantal!!! Jetz isch ändgültig Schluss! Legg die Schoggi wieder häre!!". Noch schlimmer ist es aber, wenn andere Mitreisende milde lächeln, wenn Kinder im Zug mit maximaler Lautstärke irgendwelche doofen Spongebob-PSP-Games spielen oder, ebenfalls in maximaler Lautstärke, rumnörgeln, während mein Aggressivitätspegel langsam, aber sicher ins Unermessliche steigt. Das Kondensat von nervigen Kindern sind übrigens nervige Kinder in Filmen und ihre auswendig gelernten neunmalklugen Bemerkungen.

Oft frage ich mich ernsthaft, ob ich mir das eines Tages tatsächlich auch antun möchte oder ob es nicht viel einfacher und relaxter wäre, keine Kinder zu bekommen. (Jaja, ich höre die Antwort schon: "Einfacher wäre es sicher, aber nichts gibt dir so viel Freude wie ein Kind.") 

Die Einzige, die mir bisher überzeugend erklären konnte, warum Kinder all den Aufwand und Ärger wert sind, ist meine Freundin Tamar. Als Mutter von fünf Kindern, die ich übrigens allesamt wunderbar finde, muss sie es wissen. Während ich dies schreibe, fällt mir auch noch mein Kollege R. und seine absolut liebenswürdige Tochter Lily ein. Damit stosse ich auf des Pudels Kern: Wenn ich Kinder nämlich nicht nur von Weitem erlebe, sondern sie als Individuen kennenlerne, liebe ich sie. Allerallermeistens. Meine Kiwi-Kinder (Sonntagschule) oder auch die herzige kleine Tochter meiner Freunde, die als erste Eltern wurden: Bei ihnen kann ich gar nicht anders, als sie sofort zu mögen. Und nun also die rund zehn Kinder und Teenager in meiner Nachmittagsklasse - innert Minuten hatte ich jeden und jede ins Herz geschlossen. 

Trotzdem hatte ich anfangs dieser Woche einen mittleren Nervenzusammenbruch, als mir dämmerte, dass ich die wohl ungeeignetste Person überhaupt für diesen Job bin. Während meine Kolleginnen und Kollegen rundherum nämlich vor Ideen nur so sprudeln, sass ich hilflos und aufgelöst über meiner Unterrichtsplanung. Gleich nach Beginn der Schulstunde an besagtem Tag fiel mir aber Gott sei Dank ein, dass ich ja leidlich gut zeichnen kann. Ich zeichnete also eine Landschaft mit einem Fluss (river. Ri-ver.), Fischen (small fish, big fish), Fröschen (biiiig frog, small frog with umbrella) und Regen (Pasa Lao: fun tòk, English: RRRAAAIIINN) ans Whiteboard und die Stunde war gerettet.

Obwohl die bisherigen Stunden ganz gut liefen und sowohl ich als auch die Kinder Spass hatten, ist diese Aufgabe eine Hassliebe. Der Hass, und zwar nicht gegen die Kinder, sondern gegen meinen Job, sie zu unterrichten, kommt in dem Moment ins Spiel, wenns ums Vorbereiten geht. Exakt dann nämlich, wenn ich "Jazz Chants" heraussuche.


 
Wenn ich zum Beispiel den "Hi-Song" höre, sehe ich vor meinem inneren Auge die Lehrerin mit angespanntem Stepford-Wife-Lächeln und irrem Blick und würde am liebsten rhythmisch meinen Kopf auf die Tischplatte hauen. "You don't need a whiteboard, you don't need resources, you just need yourself and the rhythm." And a psychiatrist.

Erst recht, wenn sich vier Stunden später in meinem Kopf immer noch "Hi Scott, how are you? - I'm fine, thank you!" in Endlosschleife wiederholt.

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