Seltsam. Vor gut einer Woche hatte ich die Gelegenheit, mit der deutschen Schauspielerin Mari.a Schra.der ein Interview zu führen. Sie hat soeben als Regisseurin "Liebesleben" verfilmt, einen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev. Der Film ist sehr gut, aber regelrecht schmerzhaft anzuschauen - es geht um eine junge Frau, Ja'ara, die sich in einen viel älteren Mann verliert. Er nutzt sie skrupellos aus und bringt sie dazu, ihr ganzes Leben, so wie es ist, zu zerstören. Ich verliess den Kinosaal ziemlich verstört, denn die Szenen sind teilweise sehr heftig, und die ganze Zeit tut Ja'ara genau das Gegenteil von dem, was vernünftig wäre, und das kann ich mir in egal welchen Filmen jeweils fast nicht mit ansehen.
Mar.ia Schra.der erzählte mir von ihrer ersten "Begegnung" mit dem Roman.
Frau Schrader, stimmt es, dass Sie zuerst vom Roman „Liebesleben“ gar nichts wissen wollten?
Ich wurde von meiner Agentur angefragt, ob ich eine Lesereise mit einer israelischen Autorin machen würde. Damit hatte ich überhaupt keine Erfahrung, ich hatte auch weder von Zeruya noch von ihrem Buch je gehört und habe deshalb einfach abgesagt. Damit hat sich der Verlag aber nicht zufrieden gegeben und mir das Buch geschickt.
Was hat Sie daran derart fasziniert, dass Sie die Geschichte schliesslich sogar verfilmt haben?
Eine ähnlich schwierige Frage wie, warum man sich in jemanden verliebt... Beim ersten Lesen habe ich nicht mehr rechts und links geschaut. Ich bin in diese Geschichte versunken und musste wissen, wohin sie führt, diese Achterbahnfahrt von Jara. Wie man manchmal so unerklärlicherweise von Menschen gefangen wird, von einem Musikstück oder einem Bild, ohne das man genau sagen kann, weshalb. Das finde ich immer etwas sehr Besonderes und Schönes, auch ein bisschen Geheimnisvolles...
(Das Interview wurde in der Aargauer Zeitung vom Dienstag, 20. November, abgedruckt)
Soviel erst mal dazu. Gestern, nach der Arbeit, hatte ich nichts zu Lesen dabei und ging deshalb noch in den Buchladen am Bahnhof, um mir "ein Buch zu gönnen". Und was lag da, auf dem Tisch mit den neuen Paperbacks? Genau: "Liebesleben". Ich nahm das Buch in die Hand, las die Zitate auf dem Buchrücken und blätterte darin, legte es wieder hin und ging um den Tisch herum. Ich nahm andere Bücher zur Hand, und trotzdem war ich nur noch halbherzig dabei - schliesslich konnte ich gar nicht anders, als "Liebesleben" zu kaufen.
Keine Ahnung, was dieses Buch an sich hat. Obwohl ich die Geschichte schon kenne, obwohl ich weiss, dass sie Szenen enthält, die mich emotional sehr mitnehmen werden, musste ich es kaufen. Ich habe dann auf dem Heimweg begonnen zu lesen, diese langen, verschachtelten Sätze - oft besteht ein ganzer Abschnitt nur aus einem Satz -, und konnte gar nicht mehr aufhören. Zuvor hatte ich gedacht, Mar.ia Schra.der übertreibt ein wenig, weil sie wohl eine spezielle Beziehung zu dieser Geschichte hat. Doch es ging mir ganz genau so, wie sie es von sich beschreibt. Ich habe es selten erlebt, dass ein Buch mich von Anfang an, ja, schon bevor ich es überhaupt begonnen habe zu lesen, so fasziniert. Mal sehen, ob sich das Geheimnis im Laufe des Lesens lüftet.
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